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Die vergessenen Kinder

So nennen Experten Kinder und Jugendliche, die aus Suchtfamilien kommen oder in jungen Jahren schon selbst zu Drogen greifen. Eine Wuppertaler Stiftung kümmert sich um Jungen und Mädchen, die den Weg aus dem Sumpf suchen. Dabei ist der Kampf gegen die Sucht auch immer ein Kampf um Aufmerksamkeit.

Das Leben ist ein eigenartiger Zufall. Niemand fragt dich, ob du überhaupt Lust hast, durch eine Welt zu gehen, die dir nichts bietet außer einen täglichen Schnitt in deine Seele.

Nennen wir sie Jenny. Mit 15 Jahren sieht Jenny aus wie 25 und hat schon mehr erlebt als die meisten 50-Jährigen. Mit Zwölf missbrauchte sie ihr Großvater das erste Mal. Irgendwann beginnt Jenny, die Schmerzen und die Scham zu betäuben. Mit Alkohol. Mit Tabletten. Mit Heroin. Ein hochprozentiges Vollwaschprogramm für ihre Seele. Mit 13 hängt sie an der Flasche. Mit 14 an der Nadel. Sie sucht Hilfe, vertraut sich einem Menschen an - und wird erneut missbraucht. Jahrelang. Bis Jenny erkennt, dass sie dem Grauen nur entfliehen kann, wenn sie ihr altes Leben verlässt. Und ein neues beginnt.

Foto: kristian sekulic, Fotolia.com

Durchschnittlich vier betroffene Schüler pro Klasse

Jenny ist ein Beispiel für eine beinahe unbekannte Subkultur: „Man spricht auch von vergessenen Kindern”, sagt Ralf Mauelshagen. Es klingt wie ein Filmtitel und ist doch nur ein Spiegel der Gesellschaft, in der wir leben.

Ralf Mauelshagen

„Man geht davon aus, dass durchschnittlich in jeder Schulklasse vier Kinder aus Suchtfamilien kommen”, erzählt Mauelshagen, ohne eine Miene zu verziehen. Der 41-Jährige ist Sprecher der Stiftung Kindersuchthilfe, die seit acht Jahren versucht, Kinder und Jugendliche aus eben jenen Fängen des Vergessens zu reißen. Ein junger und schwieriger Kampf gegen ein altes Leiden. Den die Kindersuchthilfe ausweiten möchte.

Das Schulprojekt „Hör zu - schau hin!” soll Kinder der fünften und sechsten Jahrgangsstufen für Sucht und ihre Gefahren sensibilisieren. Damit hat sich die Stiftung für den neuen Deutschen Engagementpreis beworben, der morgen erstmals vergeben wird. Der Sieg ist zweitrangig. Vielmehr lechzt die Kindersuchthilfe nach Aufmerksamkeit. Denn die Probleme sind gewaltig – und die Spenden knapp.

Erst in den vergangenen Jahren seien Kinder aus Suchtfamilien in einen öffentlichen Fokus gerückt, sagt Mauelshagen. Töchter und Söhne von Eltern, die sich der Verwahrlosung hingeben, nichts im Kopf außer den Gedanken an den nächsten Schuss, den nächsten Schluck. Ihre Kinder überlassen sie einem ungewissen Schicksal. Sie klettern aus dem Gitterbett und stehen direkt in den Trümmern ihres eigenen Lebens.

Von Wuppertal aus hilft die Stiftung, diese Trümmer wegzuschaffen. Finanziert Spielgruppen für Kinder drogensüchtiger Eltern oder Programme für Jugendliche, die selbst mit ihrer Sucht zu kämpfen haben. Dazu unterstützt die Kindersuchthilfe unter anderem Dirk Höllerhage.

Der Pastor und Jugendreferent des Blauen Kreuzes betreibt die Villa Extradry, ein altes Gründerzeithaus in Schwelm. Der Bau war beinahe genauso durch das gesellschaftliche Raster gefallen wie die Kinder und Jugendlichen, die heute hier an die Tür klopfen. Aussortiert. Die Stadtverwaltung wollte die Villa abreißen. Stattdessen überredete Höllerhage den Bürgermeister, ihm das Haus zu schenken. Er schuf aus dem persepktivlosen Bau eine Analogie zu den jungen Vergessenen, die hier auf Hilfe hoffen. Und sie bekommen – wenn sie nicht schon längst verloren sind.

Jennys Körper rebelliert mittlerweile, wenn sie Drogen nimmt. Ihre Sprache wirkt schwer, ihr Gang ist unsicher.

Dirk Höllerhage

Ein Klima aus Langeweile, Resignation und Lebenshass

Bundesweit referiert Dirk Höllerhage in Schulklassen über die Gefahren der Sucht und die Möglichkeiten, sich und anderen zu helfen. Mindestens 100 Tage im Jahr. An Arbeit mangelt es dem 50-jährigen Pastor nicht.

Es ist ein Klima aus Langeweile, Resignation und Lebenshass, in dem die Sucht am besten gedeiht. Was daraus entsteht, ist eine Pflanze, die verwelkt ist, noch ehe sie zu blühen beginnt. Und sie pflanzt ihre Samen in sämtliche Gesellschaftsschichten. Wenn Papa vor Frust und Selbstverachtung im Rausch wieder zuschlägt oder Sohnemann und Töchterchen die Alternativlosigkeit in ihrem Leben in Hochprozentigem ertränken. In manchen Gegenden, erzählt Dirk Höllerhage, seien die Jugendlichen so abgeschottet, „dass die nur noch saufen”.

Es ist nicht das einzige Suchtproblem, aber das größte: Rund fünf Millionen Menschen hängen in Deutschland an der Flasche, sagt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, zehn Millionen haben ein riskantes Verhältnis zum Alkohol. Es gibt rund sechs Millionen aktive Fußballspieler in Deutschland. Saufen ist Volkssport.

Zwischen Januar und August 2009 hat die Alkoholindustrie laut Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo Umsätze von rund 7 Milliarden Euro erzielt. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) beziffert den volkswirtschaftlichen Schaden dagegen auf 20,6 Milliarden Euro im Jahr.

"Alle reden darüber, aber keiner macht was"

Die Kindersuchthilfe unterstützt Dirk Höllerhage, so gut es geht. „Alle reden darüber, aber keiner macht was”, klagt Ralf Mauelshagen. Vor lauter Schulterklopfen bekämen die Menschen ihre Hände nicht in die Taschen, um ihre Portemonnaies zu ziehen. Zu groß seien Lobby und Steuereinnahmen, zu klein das öffentliche Bewusstsein. „Es gibt zwar eine Suchtwoche, aber das ist eher ein Pups im Wind.” Gerade 20 Projekte kann die Suchthilfe unterstützen.

Ein Prosecco als Aperitif ist chic, ein Bierchen zum Fußball normal und ein Schnaps nach dem Essen bekömmlich. Alkohol ist sexy. Es sei denn, man findet einen siebenjährigen Jungen mit zwei Promille im Blut, wie zuletzt in Berlin geschehen. Solange junge Schönheiten mit der Flasche in der Hand und Bikini am Leib über den Bildschirm flimmern, kann die Kindersuchthilfe noch so sehr um Aufmerksamkeit buhlen. Auch wenn sich die Alkoholwirtschaft vor Jahren selbst Regeln auferlegt hat, in der sich die Firmen zur Selbstdisziplin in ihren Werbefilmen zwingen.

Selbstkontrolle beruhigt das Gewissen, erzeugt aber keine Aufmerksamkeit. Um sie zu erreichen, würde Ralf Mauelshagen sogar ein ungeschriebenes Gesetz in der Welt der Suchthilfe brechen: „Ich würde auch Geld von Alkoholfirmen nehmen.”

Ob die Nominierung für den Deutschen Engagementpreis etwas ändern wird, weiß Ralf Mauelshagen nicht: „Randgruppen”, sagt er und lächelt resignierend, „damit beschäftigen sich die Menschen ja nicht so gern.”

Jenny ist jetzt fast 20 und auf Kokain umgestiegen. Die Ärzte geben ihr noch ein paar Monate. NRZ