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Pressemitteilung

05. Juni 2012 - Wuppertal

Suchtszene erlebt Verschiebung

Jugendliche im Rausch der Internetspiele

Laut dem Drogen- und Suchtbericht 2012 hat der Tabakkonsum von Jugendlichen im Jahr 2011 einen erneuten Tiefstand erreicht; die Zahl der rauchenden Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren ist auf unter 12 Prozent gesunken. Ein rückläufiger Trend ist auch beim regelmäßigen Alkoholkonsum Jugendlicher zu verzeichnen (2001: 17,9%; 2011: 14,2 %). Das Rauschtrinken ist aber immer noch weit verbreitet, auch die alkoholbedingten Krankenhauseinweisungen sind weiter angestiegen.

„Leider gibt die Datenlage keinen Grund zum Jubeln", sagt Prof. Dr. Peter Olm, Leiter der Beratungsstelle des Blaukreuz-Zentrums Wuppertal. „Das, was in der Suchtszene passiert, ist eine Verschiebung. Eine Art ‚Suchtverlagerung‘. Wenn weniger Kinder und Jugendliche Nikotin und Cannabis konsumieren ist dies natürlich erfreulich. Aber die Zahlen machen deutlich, dass die Kinder und Jugendlichen andere Suchtformen wählen. Es ist erschreckend, dass fast 1,5 Mio. der 14- bis 24-Jährigen als internetabhängig bzw. als problematische Internetnutzer gelten. Um im Internet mitzuhalten, um bei den Internetspielen voranzukommen, muss der User einen klaren Kopf behalten. Alkohol und andere Drogen passen hier nicht."

Weiter führt er aus: "Vor Jahren war der Alkohol für Kinder und Jugendliche der Einstieg in eine Scheinwelt aus Protest, Entspannung und Abenteuer. Heute sind es die vielfältigen Medienangebote, die eine Flucht aus der realen Welt ermöglichen." Nicht die Suchtprävention habe aus seiner Sicht zu einem Rückgang des Drogen- und Alkoholkonsums geführt, sondern der Reiz der neuen Medien. Jugendliche finden in der (Spiele-) Computerwelt Orte, zu denen ihre Eltern und Lehrer keinen Zugang haben.

Wir erleben derzeit einen gewaltigen Umbruch in der Sucht- und Drogenhilfe. Die Kinderzimmer werden technisch aufgerüstet und die Bundesdrogenbeauftragte will sich um die Spielautomaten in Gaststätten kümmern. Es klingt ein wenig nach ‚hinterher hecheln‘. Wer bedient denn heute noch einen Spielautomaten in einer Eckkneipe? Zumal es immer weniger klassische Eckkneipen gibt. Die Sucht ist heute anonym, sie geschieht im Verborgenen. Das, was Krankenhäuser als institutionalisierte Gesellschaft erleben, ist das physische und psychische Elend des Komatrinkens als die Folge einer verfehlten Drogen- und Suchtpolitik. Solange Sympathieträger aus dem Profisport Werbung für Drogen (Alkohol) bzw. Glückspiel (Pokern) machen, müssen wir uns nicht wundern, dass Kinder dem nacheifern."

"Jugend- und Suchthilfeträger werden sich in den nächsten Jahren darauf einstellen müssen, dass viele Jugendliche aus dem gesellschaftlichen Leben entflohen sind", so der Suchtberater. "Vereinsamte Computerspieler fallen im gesellschaftlichen Alltag nicht auf."